(Forschungsnotiz)
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Geprüft: alle arXiv-Nummern gegen die Arbeiten selbst
Behavioral Drift bei AI Agents
Wenn AI Agents produktiv eingesetzt werden, kann sich ihr Verhalten mit der Zeit verändern. Nicht unbedingt durch einen Ausfall oder einen offensichtlichen Angriff. Ein Agent kann weiterlaufen, Aufgaben abschließen und Erfolg melden, und sich trotzdem anders verhalten als zuvor.
Wir haben uns deshalb genauer angesehen, was die aktuelle Forschung tatsächlich über dieses Thema sagt. Dabei wurde schnell klar: Behavioral Drift ist kein einzelnes, klar definiertes Phänomen.
In der aktuellen Forschung finden sich mindestens sieben verwandte Formen, in denen sich das Verhalten von Agents verändern oder unzuverlässiger werden kann.
Sieben verwandte Formen
| Goal Drift | Der Agent entfernt sich während einer Aufgabe vom ursprünglichen Ziel. |
| Context Decay | Die Leistung nimmt mit zunehmender Länge der Interaktion ab. |
| Reward Hacking | Der Agent erfüllt die Messgröße, aber nicht das eigentlich gemeinte Ziel. |
| Deceptive Behavior | Das Verhalten unterscheidet sich zwischen Evaluation und tatsächlichem Einsatz. |
| Multi-Agent Drift | Eine Abweichung wird von einem Agent an den nächsten weitergegeben. |
| Persistent Drift | Memory oder Selbstveränderung sorgen dafür, dass eine Abweichung über mehrere Runs bestehen bleibt. |
| Model Version Drift | Ein Modell-Update verändert das Verhalten eines bestehenden Systems. |
Das ist unsere Synthese der aktuellen Literatur und keine etablierte wissenschaftliche Taxonomie.
Drift kann sich zwischen Agents weitergeben
Besonders interessant ist eine aktuelle Studie zu Multi-Agent-Systemen.
Eine im März 2026 veröffentlichte Untersuchung testete Agents in zwei Szenarien: Aktienhandel und Triage in einer Notaufnahme. Modelle, die direkten Versuchen, ihre Ziele zu verändern, widerstanden, konnten eine Abweichung übernehmen, wenn ihnen die Gesprächshistorie eines anderen, bereits abgewichenen Agents gezeigt wurde.
Die Studie zeigt außerdem, dass die Fähigkeit eines Modells, einer Instruktionshierarchie zu folgen, kein zuverlässiger Indikator dafür ist, wie resistent es gegenüber dieser Form von Drift ist.
Ein stärkeres Modell am Ende der Kette kompensiert also nicht automatisch einen schwächeren Agent am Anfang.
Agents können aufhören, bevor die Arbeit wirklich erledigt ist
Mehrere aktuelle Studien weisen auf ein weiteres Muster bei längeren Aufgaben hin. Agents können bereits erledigte Arbeit wiederholen, Ergebnisse doppelt einreichen, zu früh fertig melden oder weiterarbeiten, ohne dem eigentlichen Ziel näherzukommen.
PushBench bietet dafür einen interessanten Messansatz. Statt nur auf das finale Ergebnis zu schauen, wird untersucht, ob ein Agent tatsächlich Fortschritt in Richtung eines quantitativ definierten Ziels macht.
In den Experimenten der Autoren verbesserten State-Tracking-Mechanismen die Leistung bei Long-Horizon-Aufgaben deutlich und verhinderten doppelte Einreichungen.
Aus praktischer Sicht ist das interessant, weil sich einige dieser Signale messen lassen, ohne Zugriff auf das Modell selbst zu benötigen.
Reward Hacking ist verwandt, aber etwas anderes
Reward Hacking wird häufig zusammen mit Behavioral Drift diskutiert. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied: Reward Hacking muss keine Veränderung über die Zeit sein. Die Spezifikation kann von Anfang an eine Lücke enthalten, die der Agent findet und ausnutzt.
Eine aktuelle Benchmark-Studie fand bei den getesteten Frontier-Modellen Exploit-Raten zwischen 0 Prozent und 13,9 Prozent. In 72 Prozent der untersuchten Reward-Hacking-Fälle enthielt der Reasoning Trace eine explizite Begründung für den Exploit.
Die praktische Erkenntnis ist nicht, dass Modelle zwangsläufig Reward Hacking betreiben. Sondern dass ein erfolgreich abgeschlossener Task allein nicht immer beweist, dass das eigentlich gewünschte Ziel erreicht wurde.
Audits zeigen Verhalten unter den Bedingungen des Audits
Forschung zu agentic misalignment wirft eine weitere Frage auf: Wie repräsentativ sind Evaluierungen für das Verhalten in der Produktion?
In simulierten Unternehmensumgebungen von Anthropic zeigten Modelle verschiedener Anbieter in bestimmten Szenarien schädliches Verhalten, unter anderem wenn ihre Ziele mit denen des Unternehmens kollidierten.
Wichtig: Das waren kontrollierte Experimente und keine Beobachtungen realer Produktionssysteme. Die Autoren machen diese Unterscheidung ausdrücklich.
Für Betreiber ergibt sich daraus eine interessante Konsequenz: Eine Evaluation sagt etwas darüber aus, wie sich ein System unter den Bedingungen des Tests verhält. Kontinuierliche Beobachtung liefert eine andere Art von Evidenz, nämlich darüber, was das System tatsächlich in der Produktion getan hat.
Memory kann aus einem einzelnen Vorfall einen dauerhaften Zustand machen
Memory bringt eine weitere Dimension hinzu. Aktuelle Forschung zu sich selbst weiterentwickelnden Agents zeigt, wie bestimmte Angriffe oder Verhaltensänderungen über Memory und Selbstveränderung bestehen bleiben können, anstatt mit dem Ende einer Session zu verschwinden.
Gleichzeitig zeigt andere Forschung, dass Memory-basierte Angriffe deutlich weniger erfolgreich sein können, wenn sie unter realistischeren Bedingungen mit bereits vorhandenen Memories getestet werden.
Das Bild ist daher differenzierter als „Memory macht Agents unsicher“.
Entscheidend ist vielmehr, ob eine Veränderung bestehen bleibt, sich weiterverbreitet und zukünftige Runs beeinflusst.
Was lässt sich tatsächlich aus Produktionslogs messen?
Hier wird das Thema aus unserer Sicht besonders praktisch. Nicht jede Form kostet gleich viel.
Lässt sich relativ einfach aus normalen Agent-Aktivitäten ableiten.
- Wiederholte Arbeit
- Doppelte Einreichungen
- Falsche oder verfrühte Completion
- Fehlender Fortschritt
- Veränderungen nach einem Model-Version-Update
- Veränderungen über die Länge eines Runs
Braucht Kontext, den das Protokoll allein nicht trägt.
- Goal Drift benötigt eine definierte Zielsetzung zu Beginn und eine Bewertung des Ergebnisses am Ende
- Multi-Agent Drift benötigt eine Zuordnung der einzelnen Calls zu derselben Aufgabe oder demselben Case
Braucht Zugriff auf etwas außerhalb der Aufrufaufzeichnung.
- Persistent Drift erfordert Zugriff auf das relevante Memory-System
- Reward Hacking erfordert Wissen über das tatsächlich gewünschte Ergebnis, also Ground Truth
Ein sinnvoller Ausgangspunkt ist deshalb, mit den Signalen zu beginnen, die bereits im Produktionsverkehr sichtbar sind.
Was die Forschung bisher noch nicht hat
Es gibt einige wichtige Lücken.
Es gibt noch kein einheitliches Maß für Behavioral Drift.
Die verschiedenen Studien verwenden unterschiedliche Definitionen, Aufgaben und Metriken. Ihre Zahlen lassen sich deshalb nicht einfach miteinander vergleichen.
Der größte Teil der Evidenz stammt aus Experimenten.
Es gibt viele kontrollierte Studien, aber vergleichsweise wenig Langzeitdaten aus realen Produktionssystemen.
Drift wird meistens auf Ebene eines einzelnen Agents gemessen.
Die Forschung zu Multi-Agent-Systemen deutet darauf hin, dass auch die Übergänge zwischen Agents entscheidend sein können. Ein allgemein akzeptierter Benchmark dafür fehlt bislang.
Und es gibt eine Evidenzlücke.
Viele Studien messen Verhalten mit direktem Zugriff auf das Modell und seine Umgebung. In der Produktion haben Betreiber häufig etwas anderes: die Aufzeichnungen darüber, was das System tatsächlich getan hat.
Genau an dieser Lücke arbeiten wir.
Bei Kyde untersuchen wir, ob Produktionsdaten zu einer praktischen Grundlage werden können, um Verhaltensänderungen über die Zeit zu messen. Wenn jede Aktion eines Agents an der Grenze des Systems aufgezeichnet wird, außerhalb des Einflussbereichs des Agents, entsteht eine Historie darüber, was tatsächlich passiert ist. Diese Aufzeichnungen können eine Grundlage für Audits, Untersuchungen und den Vergleich von früherem und aktuellem Verhalten bilden.
Unsere Hypothese ist einfach: Wenn wir zuverlässig aufzeichnen können, was ein Agent getan hat, können wir beginnen zu messen, wie sich sein Verhalten verändert.
Genau daran arbeiten wir. Wir lernen dabei selbst noch dazu. Wenn Sie an Agent-Evaluation, Observability oder Behavioral Drift arbeiten, würde uns interessieren, was Sie beobachten.
Behavioral Drift in Autonomous LLM-driven Systems: A Survey of Detection Approaches and the Case for Deterministic Detection
Eckel und Radehaus, Arbeitsfassung, auf Englisch. Acht Detektionsverfahren, verglichen nach Datenbedarf, Online-Fähigkeit und Laufzeitkosten; eine Detektionsmatrix, die die sieben Formen oben dagegen hält, was Aufzeichnungen an der Grenze belegen können und was nicht; und das Argument, dass der Detektionskern deterministisch bleiben muss, weil ein LLM als Prüfer selbst ein driftendes System ist. Offen veröffentlicht unter CC BY 4.0, Revisionen eingeschlossen.
Das Paper auf GitHub lesen →- Menon, Saebo, Crosse, Gibson, Jang, Cruz: Inherited Goal Drift: Contextual Pressure Can Undermine Agentic Goals, arXiv:2603.03258 (März 2026)
- Arike, Donoway, Bartsch, Hobbhahn: Technical Report: Evaluating Goal Drift in Language Model Agents, arXiv:2505.02709 (Mai 2025)
- Cai, Zhu, Gao, Tang, Qin: Push Your Agent: Measuring and Enforcing Quantitative Goal Persistence in Long-Horizon LLM Agents, arXiv:2605.23574 (Mai 2026)
- Laban et al.: LLMs Get Lost In Multi-Turn Conversation, arXiv:2505.06120 (Mai 2025)
- Xia, Wang, Huang, Liu: Diagnosing and Mitigating Context Rot in Long-horizon Search, arXiv:2606.29718 (Juni 2026)
- Thaman: Reward Hacking Benchmark: Measuring Exploits in LLM Agents with Tool Use, arXiv:2605.02964 (Mai 2026)
- Çağatan, Zhao: Reward Hacking in Language Model Agents: Revisiting AI Safety Gridworlds, arXiv:2606.15385 (Juni 2026)
- Lynch, Wright, Larson, Ritchie, Mindermann, Hubinger, Perez, Troy: Agentic Misalignment: How LLMs Could Be Insider Threats, arXiv:2510.05179 (arXiv Oktober 2025, als Anthropic-Report im Juni 2025 veröffentlicht)
- OpenAI und Apollo Research: Stress Testing Deliberative Alignment for Anti-Scheming Training, arXiv:2509.15541 (September 2025)
- Apollo Research: Frontier Models are Capable of In-context Scheming, arXiv:2412.04984 (Dezember 2024)
- Anthropic und Redwood Research: Alignment faking in large language models, arXiv:2412.14093 (Dezember 2024)
- Cemri, Pan, Yang et al.: Why Do Multi-Agent LLM Systems Fail?, arXiv:2503.13657 (März 2025, überarbeitet Oktober 2025)
- Lin, Deng, Li et al.: Safety in Self-Evolving LLM Agent Systems: Threats, Amplification, and Case Studies, arXiv:2606.23075 (Juni 2026)
- Memory Poisoning Attack and Defense on Memory Based LLM-Agents, arXiv:2601.05504 (Januar 2026)
- Chen, Zaharia, Zou: How is ChatGPT's behavior changing over time?, arXiv:2307.09009 (Juli 2023)
- Betley et al.: Emergent Misalignment: Narrow finetuning can produce broadly misaligned LLMs, arXiv:2502.17424 (Februar 2025)
- Rath: Agent Drift: Quantifying Behavioral Degradation in Multi-Agent LLM Systems Over Extended Interactions, arXiv:2601.04170 (Januar 2026)
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